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HEUTE: FAUST!
Ein Spektakel um Goethe, den Weltgeist, die Sprache und um das, was die Welt im Innersten zusammenhält.


Kritiken


Michael Staemmler mit Figurentheater „Gingganz" aus Göttingen in „Kunst & Bühne"

von Aneka Schult 27.10.2003


Der sture Goethe macht es Johann Peter Eckermann (Michael Staemmler) nicht leicht.

Er ist in die Jahre gekommen, einer der größten deutschen Dichter, „der Entdecker der deutschen Sprache und des Zwischenkieferknochens", Johann Wolfgang von Goethe. Sein Haar ist ergraut, seine Glieder wollen auch nicht mehr so recht, und zur Toilette fährt ihn sein „Eckermännchen" in einem rollstuhlähnlichen Gestell, jedenfalls in dem Stück „Heute: Faust!", aufgeführt vom Figurentheater „Gingganz" aus Göttingen am Sonnabend in „Kunst & Bühne".

Es ist Johann Peter Eckermann (Michael Staemmler), Goethes Sekretär und Vertrauter, der den Zuschauer hinein schmuggelt in die Studierstube am Frauenplan in Weimar und Goethe über die Schulter schaut.
Das ist an sich auch nicht sehr schwer, ist doch der Dichterfürst nur eine Puppe mit überdimensional kleinem Kopf. Und der ist aus Holz, was für Eckermann die Sache nicht leichter macht. Er muss gleichzeitig den Sekretär spielen und Goethes Kopfbewegungen koordinieren. Durch seine Hand kann der Dichter die Feder führen, und die ist unersetzlich für die Vollendung eines großen Werkes, den „Faust".
Leicht macht es der Geheime Rat seinem Assistenten aus Winsen an der Luhe, dem er aufgetragen hat, seine Werke und Manuskripte zu ordnen, nicht. Der sture Holzkopf mit der langen Nase wettert in einer Tour, kommandiert herum und bereichert sich schließlich auch noch an dem schöpferischen Erguss seines Verehrers, am „Heideröslein".
Es sind diese schlechten Seiten, seine menschlichen Züge, die dem Zuschauer gefallen. Goethe, auch nicht unfehlbar, mal herrschsüchtig und mal unerträglich tattrig, so zeigt sich der „Olympier" im Lichte des Alltags.
Aber nicht nur. Darin liegt der Reiz des Stückes. Momente der Andacht erzeugt Staemmler, wenn er mit seinem Diktiergerät das Unmögliche zu fassen sucht: „Das ist schon Wahnsinn, diese Konzentration und trotzdem völlig entspannt. Er kann's eben", schwärmt Eckermann, und das Publikum schaut Goethe beim Denken zu. Der Sekretär macht den Bückling und spielt den Beeindruckten, selbst bei dem billigsten goetheschen Reim, von denen der Weltliterat eine Menge auf Lager hat, so dass die Aura des Genius zu verlöschen scheint. Und dennoch, die Achtung bleibt, jene stillschweigende Anerkennung schöpferischer Kraft, über die Eckermann in wundervoller Weise sagt: „Vielleicht kommt's von oben, geht durch die Feder ins Tintenfass, und dann schreibt er's auf." Eine Abhängigkeit, die auch optisch besteht. Goethe hängt an der Tinte fast wie am Tropf.
Gekonnt übernimmt Staemmler sämtliche Rollen, spielt auf der „zeittypischen" Akkosaune und zitiert in atemberaubender Schnelligkeit goethesch Ersonnenes. Ein erfrischend unkonventioneller Genuss, der Goethe zum Menschen erklärt: „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis; das Unzulängliche hier wird's Ereignis."



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Figurentheater Gingganz - Inszenierungen für Kinder und Erwachsene, Straßentheater - gegründet 1984 in Göttingen, fahrendes Theater, umfangreiches Repertoire von Märchen über "Der Kleine König Dezember" und "Oh wie schön ist Panama" bis hin zu Goethes "Faust", "Don Carlos" und "Warten auf Godot".